Ein illegales Rennen dauert manchmal nur Sekunden. Seine Folgen beschäftigen Menschen dagegen über Stunden, Monate oder ein ganzes Leben.
Wenn zwei Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit durch eine Stadt oder über eine Landstraße jagen, sieht man zunächst nur die Fahrer und ihre Maschinen. Nach einem Unfall wird jedoch sichtbar, wie viele andere Menschen plötzlich Teil dieser Entscheidung werden.
Die erste Rechnung wird am Unfallort geschrieben
Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst müssen ausrücken. Straßen werden gesperrt, Verletzte versorgt, Trümmer beseitigt und Unfallspuren gesichert. Weitere Einsatzkräfte regeln den Verkehr, während Sachverständige später rekonstruieren, was geschehen ist.
Hinzu kommen Notaufnahme, Operationen, Rehabilitation und psychologische Hilfe. Fahrzeuge, Leitplanken, Verkehrszeichen, Gebäude oder andere Gegenstände können beschädigt sein. Bei schweren Fällen folgen Ermittlungsverfahren, Gutachten, Gerichtsverhandlungen und möglicherweise langjährige Versorgungsleistungen.
Eine bundesweit zusammengefasste Rechnung ausschließlich für illegale Rennen gibt es nicht. Die Kosten verschwinden deshalb jedoch nicht. Sie verteilen sich lediglich auf viele Stellen: Einsatzorganisationen, Krankenhäuser, Justiz, Versicherungen, Arbeitgeber, Familien und Geschädigte.
Die Rechnung existiert. Sie liegt nur nicht auf einem einzigen Schreibtisch.
Der größte Preis lässt sich nicht in Euro ausdrücken
Bei all diesen Kosten darf das Entscheidende nicht hinter Zahlen verschwinden. Ein zerstörtes Fahrzeug kann ersetzt werden. Eine Leitplanke lässt sich reparieren. Ein Mensch, der nicht nach Hause kommt, lässt sich durch keine Versicherungssumme zurückbringen.
Auch Überlebende können dauerhaft mit körperlichen Verletzungen, Schuldgefühlen oder belastenden Erinnerungen leben. Angehörige, Augenzeugen und Einsatzkräfte tragen manchmal Folgen, die auf keinem Unfallbogen vollständig erfasst werden.
Im zweiten Teil dieser Serie haben wir von zwei Freunden erzählt, die gleichzeitig aus entgegengesetzten Richtungen auf denselben Parkplatz fuhren. Einer von ihnen hätte zwei Wochen später heiraten sollen. Diese ausgefallene Hochzeit erscheint in keiner volkswirtschaftlichen Statistik. Für die betroffenen Menschen war sie jedoch der eigentliche Preis.
Was das deutsche Strafrecht heute sagt
Seit 2017 werden verbotene Kraftfahrzeugrennen in Deutschland ausdrücklich durch § 315d des Strafgesetzbuches erfasst. Strafbar können nicht nur Veranstalter und Teilnehmer eines vereinbarten Rennens sein.
Auch eine einzelne Person kann den Tatbestand erfüllen, wenn sie sich als Kraftfahrzeugführer mit nicht angepasster Geschwindigkeit grob verkehrswidrig und rücksichtslos fortbewegt, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen. Umgangssprachlich wird dabei häufig vom sogenannten Alleinrennen gesprochen.
Das ist mehr als eine juristische Feinheit. Eine öffentliche Straße wird nicht erst dann zur Rennstrecke, wenn zwei Fahrzeuge nebeneinanderstehen. Entscheidend ist das Verhalten – und die Gefahr, die daraus für andere entsteht.
Fahrkönnen hebt die Physik nicht auf
Viele Menschen, die besonders schnell fahren, halten sich nicht für unvorsichtig. Sie vertrauen auf Erfahrung, Reaktion, Technik und Streckenkenntnis. Genau das macht die Situation tückisch.
Bei 180 Kilometern pro Stunde legt ein Fahrzeug etwa 50 Meter in nur einer Sekunde zurück. In dem Augenblick, in dem der Fahrer eine Gefahr erkennt, ist ein großer Teil der verfügbaren Strecke bereits verschwunden. Selbst das beste Fahrkönnen kann keine Information verarbeiten, die noch gar nicht sichtbar war.
Man kann sein Motorrad sehr gut kennen und trotzdem nicht wissen, was hinter der nächsten Kurve wartet.
Geschwindigkeit braucht einen geeigneten Ort
Leidenschaft für leistungsstarke Fahrzeuge ist nicht automatisch verantwortungslos. Sie braucht aber einen Raum, in dem Unbeteiligte geschützt werden und Fehler nicht sofort Menschen auf einer öffentlichen Straße treffen.
Rennstreckentrainings, Trackdays, Fahrsicherheitstrainings und legal organisierter Motorsport schaffen dafür Bedingungen, die eine Landstraße oder ein Parkplatz niemals bieten können: geregelte Fahrtrichtung, technische Kontrollen, Streckenposten, Sicherheitszonen und vorbereitete Hilfe.
Das mag weniger spontan sein. Es ist aber der Unterschied zwischen einem bewusst eingegangenen sportlichen Risiko und einer Gefahr, der andere Menschen niemals zugestimmt haben.
Was von unserer Geschichte bleibt
Wir haben diese Serie nicht geschrieben, um uns im Nachhinein als die Vernünftigen darzustellen. Einige von uns waren es damals nicht. Wir kennen die Faszination, die Rechtfertigungen und das Gefühl vermeintlicher Kontrolle aus eigener Erfahrung.
Gerade deshalb lautet die Botschaft nicht: „Ihr versteht Geschwindigkeit nicht.“ Sie lautet:
Wir verstehen ihren Reiz. Aber wir haben auch gesehen, was geschieht, wenn man Glück mit Kontrolle verwechselt.
Wer Geschwindigkeit liebt, muss sie nicht aufgeben. Er sollte nur einen Ort wählen, an dem sein persönlicher Grenzversuch nicht zur unfreiwilligen Lebensentscheidung für andere wird.