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Geschichten

  • Im roten Bereich, Teil 3: Wer nach dem Rennen die Rechnung bezahlt
  • Im roten Bereich, Teil 2: Zwei Richtungen, dieselbe Idee – kein Zurück
  • Im roten Bereich, Teil 1: Der Augenblick, in dem ich aufhörte

Schlagwort: illegale Autorennen

  • Im roten Bereich, Teil 3: Wer nach dem Rennen die Rechnung bezahlt

    Im roten Bereich, Teil 3: Wer nach dem Rennen die Rechnung bezahlt

    Ein illegales Rennen dauert manchmal nur Sekunden. Seine Folgen beschäftigen Menschen dagegen über Stunden, Monate oder ein ganzes Leben.

    Wenn zwei Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit durch eine Stadt oder über eine Landstraße jagen, sieht man zunächst nur die Fahrer und ihre Maschinen. Nach einem Unfall wird jedoch sichtbar, wie viele andere Menschen plötzlich Teil dieser Entscheidung werden.

    Die erste Rechnung wird am Unfallort geschrieben

    Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst müssen ausrücken. Straßen werden gesperrt, Verletzte versorgt, Trümmer beseitigt und Unfallspuren gesichert. Weitere Einsatzkräfte regeln den Verkehr, während Sachverständige später rekonstruieren, was geschehen ist.

    Hinzu kommen Notaufnahme, Operationen, Rehabilitation und psychologische Hilfe. Fahrzeuge, Leitplanken, Verkehrszeichen, Gebäude oder andere Gegenstände können beschädigt sein. Bei schweren Fällen folgen Ermittlungsverfahren, Gutachten, Gerichtsverhandlungen und möglicherweise langjährige Versorgungsleistungen.

    Eine bundesweit zusammengefasste Rechnung ausschließlich für illegale Rennen gibt es nicht. Die Kosten verschwinden deshalb jedoch nicht. Sie verteilen sich lediglich auf viele Stellen: Einsatzorganisationen, Krankenhäuser, Justiz, Versicherungen, Arbeitgeber, Familien und Geschädigte.

    Die Rechnung existiert. Sie liegt nur nicht auf einem einzigen Schreibtisch.

    Der größte Preis lässt sich nicht in Euro ausdrücken

    Bei all diesen Kosten darf das Entscheidende nicht hinter Zahlen verschwinden. Ein zerstörtes Fahrzeug kann ersetzt werden. Eine Leitplanke lässt sich reparieren. Ein Mensch, der nicht nach Hause kommt, lässt sich durch keine Versicherungssumme zurückbringen.

    Auch Überlebende können dauerhaft mit körperlichen Verletzungen, Schuldgefühlen oder belastenden Erinnerungen leben. Angehörige, Augenzeugen und Einsatzkräfte tragen manchmal Folgen, die auf keinem Unfallbogen vollständig erfasst werden.

    Im zweiten Teil dieser Serie haben wir von zwei Freunden erzählt, die gleichzeitig aus entgegengesetzten Richtungen auf denselben Parkplatz fuhren. Einer von ihnen hätte zwei Wochen später heiraten sollen. Diese ausgefallene Hochzeit erscheint in keiner volkswirtschaftlichen Statistik. Für die betroffenen Menschen war sie jedoch der eigentliche Preis.

    Was das deutsche Strafrecht heute sagt

    Seit 2017 werden verbotene Kraftfahrzeugrennen in Deutschland ausdrücklich durch § 315d des Strafgesetzbuches erfasst. Strafbar können nicht nur Veranstalter und Teilnehmer eines vereinbarten Rennens sein.

    Auch eine einzelne Person kann den Tatbestand erfüllen, wenn sie sich als Kraftfahrzeugführer mit nicht angepasster Geschwindigkeit grob verkehrswidrig und rücksichtslos fortbewegt, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen. Umgangssprachlich wird dabei häufig vom sogenannten Alleinrennen gesprochen.

    Das ist mehr als eine juristische Feinheit. Eine öffentliche Straße wird nicht erst dann zur Rennstrecke, wenn zwei Fahrzeuge nebeneinanderstehen. Entscheidend ist das Verhalten – und die Gefahr, die daraus für andere entsteht.

    Fahrkönnen hebt die Physik nicht auf

    Viele Menschen, die besonders schnell fahren, halten sich nicht für unvorsichtig. Sie vertrauen auf Erfahrung, Reaktion, Technik und Streckenkenntnis. Genau das macht die Situation tückisch.

    Bei 180 Kilometern pro Stunde legt ein Fahrzeug etwa 50 Meter in nur einer Sekunde zurück. In dem Augenblick, in dem der Fahrer eine Gefahr erkennt, ist ein großer Teil der verfügbaren Strecke bereits verschwunden. Selbst das beste Fahrkönnen kann keine Information verarbeiten, die noch gar nicht sichtbar war.

    Man kann sein Motorrad sehr gut kennen und trotzdem nicht wissen, was hinter der nächsten Kurve wartet.

    Geschwindigkeit braucht einen geeigneten Ort

    Leidenschaft für leistungsstarke Fahrzeuge ist nicht automatisch verantwortungslos. Sie braucht aber einen Raum, in dem Unbeteiligte geschützt werden und Fehler nicht sofort Menschen auf einer öffentlichen Straße treffen.

    Rennstreckentrainings, Trackdays, Fahrsicherheitstrainings und legal organisierter Motorsport schaffen dafür Bedingungen, die eine Landstraße oder ein Parkplatz niemals bieten können: geregelte Fahrtrichtung, technische Kontrollen, Streckenposten, Sicherheitszonen und vorbereitete Hilfe.

    Das mag weniger spontan sein. Es ist aber der Unterschied zwischen einem bewusst eingegangenen sportlichen Risiko und einer Gefahr, der andere Menschen niemals zugestimmt haben.

    Was von unserer Geschichte bleibt

    Wir haben diese Serie nicht geschrieben, um uns im Nachhinein als die Vernünftigen darzustellen. Einige von uns waren es damals nicht. Wir kennen die Faszination, die Rechtfertigungen und das Gefühl vermeintlicher Kontrolle aus eigener Erfahrung.

    Gerade deshalb lautet die Botschaft nicht: „Ihr versteht Geschwindigkeit nicht.“ Sie lautet:

    Wir verstehen ihren Reiz. Aber wir haben auch gesehen, was geschieht, wenn man Glück mit Kontrolle verwechselt.

    Wer Geschwindigkeit liebt, muss sie nicht aufgeben. Er sollte nur einen Ort wählen, an dem sein persönlicher Grenzversuch nicht zur unfreiwilligen Lebensentscheidung für andere wird.

  • Im roten Bereich, Teil 2: Zwei Richtungen, dieselbe Idee – kein Zurück

    Im roten Bereich, Teil 2: Zwei Richtungen, dieselbe Idee – kein Zurück

    Es gab an unserer damaligen Strecke einen Parkplatz, auf dem wir uns regelmäßig trafen. Seine Zufahrt führte in einer schönen Kurve über das Gelände und auf der anderen Seite wieder zurück auf die Straße.

    Wer es beherrschte – oder zumindest glaubte, es zu beherrschen –, konnte dort mit hoher Geschwindigkeit und in deutlicher Schräglage einfahren, den Parkplatz überqueren und anschließend weiter beschleunigen. Für uns war das damals eine Herausforderung. Etwas, das spektakulär aussah und innerhalb der Gruppe Anerkennung brachte.

    Bis zu jenem Tag.

    Zwei Fahrer, zwei Richtungen

    Zwei unserer Freunde näherten sich dem Parkplatz gleichzeitig aus entgegengesetzten Richtungen. Offenbar hatten beide im selben Augenblick dieselbe Idee: durch die Kurve, über den Parkplatz und auf der anderen Seite wieder hinaus.

    Keiner konnte sehen, dass ihm jemand entgegenkam.

    Sie trafen sich frontal. Beide waren vermutlich mit ungefähr 180 Kilometern pro Stunde unterwegs. Die Motorräder waren danach kaum noch als solche zu erkennen. Für beide Fahrer kam jede Hilfe zu spät.

    Einer von ihnen hieß Andrzej. Zwei Wochen später hätte er heiraten sollen.

    Was danach übrig blieb

    Aus dem vermeintlichen Spaß, aus wenigen Sekunden Geschwindigkeit und aus einer Entscheidung, die wir damals für beherrschbar hielten, wurde eine Tragödie, die sich nicht zurücknehmen ließ.

    Danach blieb keine Geschichte über Mut, Fahrkönnen oder schnelle Motorräder übrig. Es blieben zwei leere Plätze in unserer Gruppe. Es blieben Familien, Freunde und eine Frau, deren Hochzeit niemals stattfinden würde.

    Manchmal reicht es, wenn zwei Menschen im selben Moment dieselbe Idee haben.

    Beide kannten die Strecke. Beide konnten gut fahren. Beide hatten das Manöver schon zuvor geschafft. Doch keiner konnte kontrollieren, was außerhalb seines Blickfeldes geschah.

    Genau darin steckt die gefährliche Täuschung: Man kann vielleicht seine Maschine beherrschen. Man kann jedoch niemals die gesamte Straße, den Gegenverkehr, andere Menschen, Tiere, technische Defekte oder den nächsten unerwarteten Augenblick kontrollieren.

    Die Unbeteiligten haben nie zugestimmt

    Bei einem illegalen Rennen tragen nicht nur die Fahrer das Risiko. Auch andere Verkehrsteilnehmer, Anwohner, Ersthelfer und Einsatzkräfte werden ohne ihre Zustimmung zu Beteiligten.

    Die Menschen auf der Gegenfahrbahn haben sich nicht für ein Rennen angemeldet. Die Familie, die später im Krankenhaus wartet, ebenfalls nicht. Und auch der Mensch, der als Erster an einem zerstörten Fahrzeug ankommt, kann die Bilder nicht einfach am Einsatzort zurücklassen.

    Öffentliche Straßen verzeihen keine Annahme wie „Hier kommt um diese Uhrzeit normalerweise niemand“. Das Wort „normalerweise“ genügt bei 180 Kilometern pro Stunde nicht.

    Heute ist auch das sogenannte Alleinrennen strafbar

    Der Begriff „Autorennen“ oder „Straßenrennen“ klingt nach zwei Fahrzeugen nebeneinander. Nach deutschem Recht kann jedoch auch ein einzelner Fahrer den Tatbestand erfüllen, wenn er sich mit nicht angepasster Geschwindigkeit grob verkehrswidrig und rücksichtslos fortbewegt, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen.

    Das ist wichtig, weil die Gefahr nicht erst entsteht, wenn zwei Menschen eine Startlinie vereinbaren. Sie beginnt dort, wo jemand die öffentliche Straße zur persönlichen Teststrecke macht.

    Unsere Geschichte spielte lange vor der heutigen gesetzlichen Regelung. Die physikalische Grenze galt jedoch schon damals: Geschwindigkeit verkürzt nicht nur die verfügbare Reaktionszeit. Sie verkleinert auch den Raum, in dem ein Fehler noch korrigiert werden kann.

    Keine Helden, keine Monster

    Wir erzählen diese Geschichte nicht, um die beiden Verstorbenen zu verurteilen. Sie waren unsere Freunde. Sie waren keine Monster und wollten an diesem Tag vermutlich niemandem schaden.

    Gerade deshalb muss man darüber sprechen. Tragödien entstehen nicht nur durch Menschen, die Böses wollen. Manchmal entstehen sie durch vertraute Menschen, gute Fahrer und einen Gedanken, der sich für wenige Sekunden harmlos anfühlt.

    Im dritten Teil fragen wir, wer nach einem illegalen Rennen die Rechnung bezahlt – menschlich, organisatorisch und finanziell – und wo Geschwindigkeit einen sicheren, legalen Raum finden kann.

  • Im roten Bereich, Teil 1: Der Augenblick, in dem ich aufhörte

    Im roten Bereich, Teil 1: Der Augenblick, in dem ich aufhörte

    Es wäre gelogen zu behaupten, Geschwindigkeit hätte keinen Reiz. Wer Motorräder liebt, kennt dieses Zusammenspiel aus Leistung, Geräusch, Konzentration und dem Gefühl, mit der Maschine beinahe zu verschmelzen. Ich kannte es sehr gut.

    Diese Geschichte spielt kurz vor der Jahrtausendwende. Die stärksten Serienmotorräder lagen damals meist noch in einer anderen Leistungsklasse als heutige Superbikes. Meine Suzuki GSX-R 1100 war auf rund 170 PS aufgebaut. In unserer damaligen Welt war das kein gewöhnlich starkes Motorrad, sondern eine Ausnahme – lange bevor Maschinen wie die Kawasaki Ninja ZX-12R die Maßstäbe erneut verschoben.

    Eine alte Start- und Landebahn bei Stettin

    Mit einigen Freunden trafen wir uns gelegentlich auf einer alten Start- und Landebahn bei Stettin. Sie lag abgelegen, am Abend herrschte dort nur wenig Verkehr. Genau damit erklärten wir uns selbst, weshalb das, was wir taten, angeblich vertretbar sei.

    Wir wollten wissen, welche Maschine schneller war und welche Höchstgeschwindigkeit sie erreichte. Wir verglichen unsere Motorräder, ließen uns messen und tauschten sie manchmal untereinander. Für uns war das nichts Außergewöhnliches. Es gehörte dazu.

    Heute weiß ich: Schon diese Sätze enthalten fast alle Rechtfertigungen, die Menschen bei illegalen Rennen benutzen. Abgelegen. Wenig Verkehr. Erfahrene Fahrer. Gute Maschinen. Wir passen schon auf.

    Aber geringe Wahrscheinlichkeit ist keine Kontrolle.

    Dann fuhr ein anderer meine Maschine

    Eines Abends fragte mich ein Freund, ob er meine GSX-R ausprobieren dürfe. Natürlich durfte er. Das hatten wir untereinander schon oft gemacht. Er fuhr zur Startposition, während wir uns an jener Stelle aufstellten, an der die Motorräder bereits ihre höchste Geschwindigkeit erreicht haben sollten.

    Zunächst war da nur ein winziger Lichtpunkt in der Ferne.

    Dann wurde er größer.

    Und schließlich schoss meine eigene Maschine – nach unserer damaligen Messung mit annähernd 300 Kilometern pro Stunde – vielleicht fünf Meter an mir vorbei.

    Ich stand wie gelähmt da.

    „Scheiße“, sagte ich. „Das mache ich nie wieder.“

    Und ich habe mein Wort bis heute gehalten.

    Vom Lenker aus hatte alles anders ausgesehen

    Nicht, weil an diesem Abend etwas passiert war. Sondern weil ich zum ersten Mal von außen gesehen hatte, was wir tatsächlich taten.

    Auf dem Motorrad hatte sich die Geschwindigkeit intensiv, aber irgendwie noch beherrschbar angefühlt. Man sitzt hinter der Verkleidung, konzentriert sich auf die Strecke und spürt jede Bewegung der Maschine. Der eigene Blick wird schmaler – und genau deshalb entsteht die gefährliche Illusion, alles unter Kontrolle zu haben.

    Neben der Strecke gab es diese Illusion nicht mehr. Da war nur noch ein Mensch auf einem Geschoss und praktisch kein Raum für einen Fehler.

    Ein Tier auf der Fahrbahn, ein technischer Defekt, eine Bodenwelle, eine falsche Bewegung oder ein einziger anderer Verkehrsteilnehmer hätten genügt. Keines dieser Dinge hätten wir vollständig kontrollieren können.

    Leidenschaft ist nicht das Problem

    Ich erzähle das nicht, um Motorräder oder Menschen zu verurteilen, die Geschwindigkeit lieben. Diese Faszination kenne ich selbst zu gut. Ich erzähle es, weil sich die Grenze zwischen Leidenschaft und Verantwortungslosigkeit vom Lenker aus erschreckend leicht verschieben kann.

    Wir glaubten damals, wir würden unser eigenes Risiko eingehen. In Wahrheit nahmen wir uns das Recht heraus, auch über das Risiko anderer Menschen zu bestimmen.

    Öffentliche Straßen sind keine Rennstrecken. Menschen, die dort unterwegs sind, haben niemals zugestimmt, Teil eines Wettbewerbs zu werden.

    Im zweiten Teil dieser Serie erzählen wir von dem Tag, an dem zwei unserer Freunde gleichzeitig dieselbe Idee hatten – und keiner von ihnen wieder nach Hause kam.

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